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Donnerstag, 12 Dezember 2019 11:07

Nach Umbau: Nominierung zum »European Museum of the Year Award«

Das Deutsche Spionagemuseum in Berlin kann Geschichte schreiben: Mit der Nominierung zum »European Museum of the Year« könnte das private Museum am Leipziger Platz den begehrten Museumspreis erstmals in die Bundeshauptstadt und nach zehn Jahren wieder nach Deutschland holen. »Der Award wird nur an neu eröffnete oder komplett modernisierte Ausstellungen vergeben. Insofern bin ich sehr froh, dass nicht nur die vielen Besucher, sondern auch die Fachjury unseren Neustart zum Anlass genommen hat, das Deutsche Spionagemuseum neu zu betrachten«, erläutert Museumsdirektor Robert Rückel. Kriterien für das Museum des Jahres sind neben besonderer Präsentation der Inhalte und Besucherorientierung auch ein klares Bekenntnis zu Demokratie und Menschenrechten, die Überwindung von kulturellen, sozialen und politischen Brücken sowie die Nachhaltigkeit.

Das »European Museum of the Year« wird durch das 1977 gegründete Europäische Museums Forum verliehen, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Rolle der Museen für die europäische Gesellschaft hervorzuheben. Bei seiner Jurysitzung Ende November 2019 in Portugal nominierte die Jury das in Berlin ansässige Deutsche Spionagemuseum aus zahlreichen Bewerbungen, am 4. Dezember wurde Robert Rückel darüber informiert. Verliehen wird der Award bei einer Zeremonie vom 29. April bis zum 2. Mai 2020 im National Museum Cardiff in Großbritannien. Der Preisträger erhält für ein Jahr die Statue »The Egg« von Henry Moore als Leihgabe. Die letzten deutschen Preisträger waren 2010 das Ozeaneum Stralsund, 2007 das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven sowie 1992 das Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim. 2019 gewann das Rijksmuseum Boerhaave in Leiden, Niederlande, den wichtigsten eurpäischen Museumspreis.

Für Robert Rückel und sein Team ist die Nominierung die Krönung der Ende November abgeschlossenen, zweijährigen Umbauphase des Museums. Mehr als 80% der Ausstellungsfläche hat der erfahrene Museumsdirektor seit der im Sommer 2016 erfolgten Übernahme des Spionagemuseums erneuert – überwiegend in Nachtarbeit, um die Besucher nicht zu stören. Als besonderen Coup konnten Rückel und Museumsgründer Franz-M. Günther in dieser Zeit auch die Sammlung Vreisleben mit 400 Stasi-Exponaten aus dem Kalten Krieg übernehmen, und so im Spionagemuseum erstmals der Öffentlichkeit zugänglich machen, darunter einzigartige zeitgeschichtliche Exponate wie eine KGB-Lippenstiftkamera oder eine Maschinenpistole im Aktenkoffer.

In der Umbauphase wurden aber nicht nur neue Original-Exponate ergänzt, sondern auch interaktive Module neu integriert, mit denen die Besucher etwa Wanzen suchen oder an einer anderen Station das Morsen lernen können. Wer sich einmal beim Knacken eines Tresors mittels Abhörgerät versuchen möchte, ist im Spionagemuseum ebenso richtig wie angehende Agenten, die im neu geschaffenen Modulbereich »Human Intelligence« testen können, wie gut es ihnen gelingt, menschliche Quellen zur Gewinnung von Informationen zu nutzen. Gefragt ist dabei etwa das Lippenlesen oder das Bedienen eines Lügendetektors. Um Geschicklichkeit geht es auch beim neuen Parcours, der die Besucher durch einen 10 Meter langen Lüftungsschacht führt wie er in keinem guten Spionagefilm fehlen darf.

»Wir setzen neben den interaktiven Elementen auch auf viele originale Ausstellungsstücke, darunter ein Spionage-Trabant oder eine original Enigma-Chiffriermaschine«, erläutert Rückel, und ergänzt: »So können wir museale Inhalte spielerisch und spannend transportieren und für eine breite Zielgruppe von der Schulklasse bis zum Senioren zugänglich machen.« Die Ausstellung wird zudem laufend fortgeschrieben und um aktuelle Themen wie die Snowden-Enthüllungen oder den Giftanschlag auf den Ex-Agenten Skripal erweitert. »Nicht nur die Nominierung zum European Museum of the Year, auch die Besucherzahlen zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Nach 342.000 Besuchern im bisherigen Rekordjahr 2018 konnten wir 2019 bereits 386.000 Besucher am Leipziger Platz 9 begrüßen. Und nun hoffen wir, als erstes Museum den European Museum of the Year Award nach Berlin holen zu können«.

Über das Deutsche Spionagemuseum

Das Deutsche Spionagemuseum ist – mit Ausnahme eines kleinen Museums in Finnland – das einzige Museum Europas, das sich diesem umfangreichen Thema widmet und dabei unterschiedlichste Bereiche unter anderem der Geheimdienstgeschichte, Politikgeschichte, Technikgeschichte, Gesellschaftsgeschichte oder Militärgeschichte umfasst. Damit schließt das 2015 privat gegründete Museum eine Lücke in der Museumslandschaft Berlins. Die Dauerausstellung zeigt auf rund 3.000 Quadratmetern am geschichtsträchtigen Leipziger Platz die Entwicklung der Spionage von der Antike bis zu Big Data in der Gegenwart. Die Exponate stammen von Sammlern mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten und wurden von Nachrichtentechnikern sowie Historikern verifiziert. Dem Erwerb der Exponate gingen jahrelange Recherchen und Verhandlungen voraus, die vom Gründer und Kurator des Spionagemuseums, Franz-M. Günther, vorangetrieben wurden. Dabei ist es gelungen, außergewöhnliche und in Expertenkreisen geschätzte Sammlungen für das Museum zu gewinnen. Den historischen Kontext liefert die hauseigene wissenschaftliche Abteilung unter Leitung des Geheimdiensthistorikers Dr. Christopher Nehring. In der Ausstellung kommen außerdem zahlreiche Experten und Zeitzeugen aus Nachrichtendiensten zu Wort. »Das Thema Spionage begleitet die Menschheit seit Jahrtausenden. Gerade Berlin steht dabei seit Jahrzehnten im Fokus der mächtigsten Geheimdienste der Welt. Wissenschaftlich spannend ist das Thema aber auch aufgrund seiner Komplexität, da es Aspekte wie Technik, Psychologie, Geschichte und Politik berührt. Und auch heute kommt schließlich kein Land ohne Spione und Nachrichtendienste aus«, erläutert Rückel.

Fakten-Übersicht

ERÖFFNUNG

19. September 2015, Neueröffnung am 28. November 2019

GESAMTFLÄCHE

3.000 Quadratmeter, 600 ausgestellte Objekte

THEMENBEREICHE

Frühzeit der Spionage; 1. Weltkrieg, 2. Weltkrieg, Kryptologie, Kalter Krieg, Hauptstadt der Spione, Überwachung, Spione, Waffen und Gifte, Geheimdienste weltweit, Verschwörungstheorien, Fiktion, Gegenwart der Spionage und Big Data

INTERAKTIV

Morsen, Nachrichten verschlüsseln, Wanzen suchen, Mikropunkte entdecken, Lügendetektor, Laserparcours, Tresor knacken, Lüftungsschacht zum Klettern, Bewerbungstests

MEDIEN

10 Stunden Video-Interviews von Zeitzeugen und Experten, diverse Filmdokumente

SPRACHEN

Alle Texte und Medien in Deutsch und Englisch, Führungen in zahlreichen Fremdsprachen

KURATOREN

Franz-M. Günther, Dr. Christopher Nehring, Christoph Ewering, Florian Schimikowski, Robert Rückel

GESTALTUNG

Bänfer Kartenbeck, Frank Wittmer Architekt

EXPERTENINTERVIEWS

Prof. Dr. Müller-Enbergs (Geheimdienstgeschichte), Felix »FX« Lindner (Hacker), Dr. Hans-Georg Wieck (BND-Präsident a.D.), Gerhard Schindler (BND-Präsident a.D.), Prof. Dr. Wolfgang Krieger (Geheimdienstgeschichte), Rainer W. Rupp »Topas« (Top-Agent der Staatssicherheit), Werner Großmann (Ex-Chef der HV A), Rudolf F. Staritz (Abwehr 3. Reich), Wolfhard Thiel (Ex-KGB-Agent), Prof. Dr. Patrick Sensburg (PKGR), Uli Grötsch (PKGR), Dr. Sandro Gayken (Cyberwar-Experte) u.v.m.

EINTRITT

Erwachsene 12 Euro, ermäßigt 8 Euro, Kinder unter 6 Jahren frei

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