Donnerstag, 15 Oktober 2020 09:59

Lockdown eröffnet neuen Blick auf zwischenmenschliche Beziehungen

Die strengsten Kontaktverbote sind wieder aufgehoben, doch immer noch fühlt es sich ungewohnt an, bei einem zufälligen Treffen auf der Straße die Umarmung zu unterlassen oder beim Einkauf den Mundschutz zu benötigen. In den letzten 70 Jahren hatten sich immerhin auch die „Nordländer“ allmählich an eine Menge Körperkontakt gewöhnt. Wie sieht das Fazit nach einer so extremen Veränderung des Umgangs miteinander aus? Marie-Luise Schwarz-Schilling, Autorin des Buches „Kampfplatz Liebe“, Historikerin und eine der ersten Unternehmerinnen Deutschlands, beschäftigt sich bereits seit Jahrzehnten mit zwischenmenschlichen Beziehungen und sieht in dieser Ausnahmesituationen eine Chance für die Besinnung auf andere Werte: „Wir merken plötzlich, dass wir unsere Lebenssituation nicht nur den Umständen verdanken, sondern dass wir sie auch unbewusst gewählt haben. Die einen erleben den Lockdown mit dem Partner oder der Familie, andere allein. Alle haben viele digitale Kontakte, aber der physische Kontakt fehlt uns. Zärtlichkeit, die kleine Schwester des Eros, wird kostbarer“, so die Autorin.

Für Schwarz-Schilling persönlich entstand eine unerwartete Situation dadurch, dass auf einmal immer wieder Teile der Familie bei ihr auf dem Land Urlaub machten. Das war keineswegs ein Einzelfall: Statt Distanz zeigte sich Zusammenhalt, wer konnte, reiste kurz vor dem Lockdown dorthin, wo sich die sogenannte Kernfamilie befand, um die Ungewissheit der folgenden Wochen gemeinsam zu bewältigen. Wer in den eigenen vier Wänden verblieb, war trotzdem nicht ganz allein, denn Videotelefonie und mobile Messenger wie WhatsApp vermochten die notwendige Distanz auch für Paare zu überbrücken und trugen zu neuen Gewohnheiten bei. Schließlich ist es für die Mehrheit der Menschen durchaus normal, trotz enger Bindung keinen regelmäßigen Kontakt zu Familienmitgliedern und Freunden zu pflegen. „Zu den Risikogruppen gehören nach wie vor Personen mit Vorerkrankungen, aber auch Personen ab 50 Jahren, und das ist nun einmal das gängige Alter von Eltern und Großeltern, denen nun auch die Freizeitbeschäftigungen mit anderen untersagt waren. Da werden Telefonate mit Familienangehörigen schnell zum Höhepunkt des Tages und die jüngere Generation entwickelte dieses Bewusstsein auch simultan mit den erlassenen Bestimmungen“, fasst Schwarz-Schilling ihre Beobachtungen zusammen.

Als Autorin setzt sie sich vorrangig mit gesellschaftlichen Themen auseinander und interessiert sich dabei besonders für die Kommunikation zwischen den Geschlechtern, wobei die Maßnahmen der Quarantäne für viele Paare eine Belastungsprobe darstellten. Abhängig von der bisherigen Beziehungsdynamik kann eine Umstellung auf die neu gewonnene gemeinsame Zeit Fluch oder Segen sein. Für Schwarz-Schilling steht fest: „Eine so außergewöhnliche Situation wie die während der Corona-Beschränkungen birgt neben einer Menge Konfliktpotenzial auch neue Perspektiven, denn der Druck des Alltags belastet den einzelnen in dieser Zeit weniger. Statt Verabredungen und Pflichten abseits der Arbeit nachzukommen, kann sich in aller Ruhe eine neue Paar-Routine entwickeln, die die Beziehung sogar stärkt“. Sie selbst ist seit mehr als 60 Jahren glücklich mit dem Ex-Postministers Christian Schwarz-Schilling verheiratet. Einander Raum zu geben erachtet sie allerdings als essenziell für das Beziehungsleben. Auch Familien mit Kindern, denen durch die Arbeit im Home-Office sowie geschlossene Kindergärten und Schulen nichts anderes übrigblieb, als einen neuen Alltag zu etablieren, ermöglichte die Zeit des Lockdowns ein besseres Verständnis der einzelnen Familienmitglieder unter- und füreinander. Marie-Luise Schwarz-Schilling blickt daher nicht nur mit negativen Gefühlen auf die vergangenen Wochen zurück und ist sich sicher, dass viele nachdenklicher und behutsamer mit zwischenmenschlichen Beziehungen jeder Art umgehen und davon auch in Zukunft profitieren werden.

Über Marie-Luise Schwarz-Schilling Marie-Luise Schwarz-Schilling hat keine für ihre Generation typische Karriere gemacht, schließlich stellte sich die Diplomvolkswirtin als eine der ersten Frauen in Deutschland der weiblichen Unternehmensnachfolge und übernahm die väterliche Akkumulatorenfabrik „Sonnenschein“ mit etwa 1.000 Beschäftigten. Mit der Ausweitung des internationalen Handels erlebte Sie zur Zeit des Wirtschaftswunders nicht nur das Wachstum ihres Unternehmens, sondern brachte auch technische Innovationen wie den wartungsfreien Bleiakkumulator „dryfit“, der die Weltmarktposition der Fabrik sicherte, auf den Markt. Als Ehefrau des Ex-Postministers Christian Schwarz-Schilling konnte Marie-Luise Schwarz-Schilling zudem Einblicke in die Politik der Bundesrepublik – und dies zur Zeit der Wiedervereinigung – gewinnen und diese in Aufsätzen und Vorträgen über die wachsende Spannung zwischen Wettbewerb und Zufriedenheit in der Gesellschaft verarbeiten. Sie ist aber nicht nur Politikergattin und Unternehmerin, sondern war auch 20 Jahre lang Kommunalpolitikerin und erhielt den Ehrentitel „Ratsfrau der Stadt Büdingen“. Darüber hinaus war sie Vorsitzende des „Ronneburger Kreises“, einer Vereinigung von Führungskräften in der Wirtschaft. Neben ihrer erfolgreichen beruflichen Karriere schreibt Marie-Luise Schwarz-Schilling Bücher über gesellschaftliche Themen. Im Besonderen interessiert sie dabei die Kommunikation zwischen den Geschlechtern sowie das immer noch seltene weibliche Selbstvertrauen, das die Gleichwertigkeit in Beruf und Partnerschaft behindert. Regelmäßig hält sie auch Vorträge zu diesen Themen. Seit 1992 lebt die Autorin wieder in ihrer ursprünglichen Heimat Berlin. Sie ist seit über 60 Jahren - verheiratet, hat zwei Töchter, vier Enkel und zwei Urenkel.

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